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Hessisches Wirtschaftsarchiv
eine Einrichtung der hessischen Industrie- und Handelskammern
und der Handwerkskammer Rhein-Main


Abt. 24, Arbeitgeberverband der Schriftgießereien

Umfang 1,75 lfd. m
Laufzeit 1920 - 1978
Findmittel Datenbank; Findbuch, bearb. von Ute Mayer, 2009

Geschichte des Bestands

Die Unterlagen der Vorläuferorganisationen sind bis auf vereinzelte Stücke verloren, da die Geschäftstelle am 20.12.1943 infolge eines Fliegerangriffs vollständig ausbrannte. Die Überlieferung umfasst daher im Wesentlichen die Akten des Vereins der Schriftgießereien und des Arbeitgeberverbands der Schriftgießereien aus der Zeit 1948 - 1972. In Einzelfällen reicht die Laufzeit der Akten auch in die Zeit der Wirtschaftlichen Vereinigung bzw. der Wirtschaftsgruppe zurück.

Nach der Auflösung des Vereins der Schriftgießereien und des Arbeitgeberverbands der Schriftgießereien und der Aufgabe der Geschäftsstelle in Offenbach wurden die Unterlagen in das neue Büro von Dr. Born und später in die Geschäftsräume der D. Stempel AG verbracht. Später wurden sie durch Dr. Walter Greisner, dem Vorstandsvorsitzenden der D. Stempel AG, als Depositum an das damalige Institut für Buchwesen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz abgegeben. Am 27.10.2008 gelangten die Unterlagen als Schenkung Dr. Walter Greisners an das Hessische Wirtschaftsarchiv.

Nach der Übernahme waren die Unterlagen des Vereins der Schriftgießereien und des Arbeitgeberverbands der Schriftgießereien miteinander vermengt und wurden den Provenienzen entsprechend in zwei Einzelbestände aufgeteilt. Weiterhin enthielt die Ablieferung auch eine Reihe von Aktenbänden mit Bezug zum Verein der Schriftgießereien aus der Provenienz der D. Stempel AG, die in den Bestand D. Stempel AG (Abt. 134) eingegliedert wurden.

Geschichte des Arbeitgeberverbandes

Die Bemühungen um die Gründung einer gemeinsamen Interessensvertretung der deutschen Schriftgießereien reichen bis in das Jahr 1888 zurück. Am 23.9.1888 fand unter dem Vorsitz von Emil Borschadt (Wilhelm Wellmer's Schriftgießerei, Berlin) ein Treffen in Eisenach statt, an dem die Inhaber von sechs Schriftgießereien teilnahmen. Nach einem Treffen der Leipziger Schriftgießereibesitzer am 30.10.1888 in Leipzig unter dem Vorsitz von Bruno Klinkhardt wurde schließlich am 17.12.1888 in Leipzig die Interessengemeinschaft "Vereinigung der deutschen Schriftgießereien" gegründet. Anstelle einer Satzung verpflichteten sich die 29 anwesenden Schriftgießereibesitzer, sich bis zum nächsten Treffen am 31.1.1890 an die auf der Tagung gefassten Beschlüsse zu halten. Diese Verpflichtung wurde auf den Treffen jeweils verlängert. Obwohl zunächst bis 1891 die Zahl der Mitglieder auf 40 anstieg, führte eine Austrittswelle zum Beschluss der Hauptversammlung am 25.1.1892 in Kassel, die Vereinigung zum 31.1.1892 aufzulösen.

Als Reaktion auf die Beschlüsse des Schriftgießergehilfen-Kongresses am 13.1.1901 in Dresden fand am 4.2.1901 eine Zusammenkunft von 23 Schriftgießereibesitzern in Leipzig statt, auf der eine "Vereinigung der Schriftgießereibesitzer Deutschlands" mit Sitz in Leipzig gegründet wurde. Zum Vorsitzenden wurde Georg Giesecke (J.G. Schelter & Giesecke, Leipzig) gewählt. Die Kreisverein Leipzig sowie die Vereinigung Berliner Schriftgießereien traten der Vereinigung bei, ebenso Unternehmen aus Stuttgart und Nürnberg. Von den Schriftgießereien aus dem Raum Frankfurt a.M und Offenbach beteiligte sich zunächst nur die Schriftgießerei Flinsch aus Frankfurt a.M.

Auch nach Gründung der Vereinigung wurden Lohn- und Wettbewerbsfragen nicht zentral, sondern eigenständig in den einzelnen Gießstädten verhandelt, bis schließlich auf einem erneuten Treffen am 16.3.1903 im Berliner Buchgewerbesaal schließlich die "Vereinigung der Schriftgießerei-Besitzer Deutschlands" mit zunächst 24 Mitgliedern neu gegründet wurde. Zweck der Vereinigung sollte "die Wahrnehmung und Förderung der Interessen des deutschen Schriftgießerei-Gewerbes im allgemeinen und der dem Verein angehörenden Schriftgießerei-Besitzer im besonderen" sein. Hauptaufgaben waren einerseits die Erarbeitung von allgemein verbindlichen Geschäftsbedingungen, die Schlichtung von Streitigkeiten zwischen den Schriftgießereien untereinander und zwischen Schriftgießereien und Kunden, sowie die Verhandlung eines allgemeinen Schriftgießertarifvertrags.

Die Geschäfte der Vereinigung wurden von der Mitgliederversammlung und dem geschäftsführenden Ausschuss geführt, der sich zunächst aus den Vorsitzenden der drei Kreisvereine Berlin, Leipzig und Frankfurt a.M. zusammensetzte, bis 1906 zusätzlich ein hauptamtlicher Geschäftsführer eingestellt wurde. 1909 wurde die Änderung des Namens in "Verein Deutscher Schriftgießereien" beschlossen.

Während des Ersten Weltkriegs kam das Schriftgießereigewerbe wegen der Einberufung zahlreicher Arbeitskräfte und der Beschlagnahmung von Metallen nahezu zum Erliegen.
Das am 27.2.1934 erlassene "Gesetz zur Vorbereitung des organischen Aufbaus der Deutschen Wirtschaft", das die Gleichschaltung aller Wirtschaftsverbände verfügte, bewirkte die Auflösung des Vereins und die Gründung einer "Wirtschaftlichen Vereinigung der deutschen Schriftgießereien und Messinglinienfabriken" am 6.11.1934. Diese Vereinigung, der alle Mitglieder des aufgelösten Vereins beitraten, übernahm die Interessensvertretung für das Schriftgießereigewerbe, bis diese Anfang 1935 von der Fachuntergruppe Schriftgießerei, eine Untergliederung der Wirtschaftsgruppe Metallwaren und verwandte Industriezweige, übernommen wurde. Wie andere vergleichbare Organisationen wurde die "Wirtschaftliche Vereinigung der deutschen Schriftgießereien und Messinglinienfabriken" 1943 durch Erlass des Reichswirtschaftsministers aufgelöst und ihre Aufgaben und ihr Vermögen an die Wirtschaftsgruppe "Metallwaren und verwandte Industriezweige" bzw. die "Fachuntergruppe Schriftgießerei" übertragen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden zunächst alle Wirtschaftsorganisationen durch die Besatzungsmächte verboten. Die ehemaligen Mitglieder hielten jedoch den Kontakt untereinander und mit dem ehemaligen Geschäftsführer aufrecht, bis am 28.6.1948 wurden in Frankfurt a.M. der "Verein der Schriftgießereien" und der "Arbeitgeberverband der Schriftgießereien" neu gegründet werden konnten. Die wirtschafts- und sozialpolitischen Aufgaben, die der ehemalige "Verein deutscher Schriftgießereien" gebündelt hatte, mussten nunmehr aufgrund der Bestimmungen der Militärregierung durch zwei unterschiedliche Organisationen wahrgenommen werden. Der "Verein der Schriftgießereien" und der "Arbeitgeberverband der Schriftgießereien" bildeten allerdings in der Praxis eine Bürogemeinschaft und bestellten auch einen gemeinsamen Geschäftsführer: Dr. Franz Gerhardinger, der bereits seit 1927 für die verschiedenen Organisationen des Schriftgießergewerbes tätig gewesen war. Am 4.10.1948 erfolgte die Zulassung für den Verein durch das Hessische Ministerium für Wirtschaft und Verkehr, nachdem die Gründung des Arbeitgeberverbands bereits zuvor genehmigt worden war.

Der Strukturwandel im Schriftgießereigewerbe und der Austritt zahlreicher Mitglieder, schließlich die Verlegung der Produktionsstätte der Bauerschen Gießerei nach Barcelona, führten am 31.12.1972 zur Auflösung beider Organisationen.

Die Betreuung der Mitglieder in Fragen des Schriftschaffens und des gewerblichen Rechtschutzes übernahm in der Folge die A.TYP.I. Für die Vertretung ihrer sozialpolitischen Interessen traten die Einzelunternehmen den jeweiligen Regionalverbänden der metallverarbeitenden Industrie bei; der Schriftgießertarif wurde in den Metalltarif überführt.

Vorsitzende des Vereins Deutscher Schriftgießereien

1903 - 1916 Heinrich Flinsch (Schriftgießerei Flinsch, Frankfurt a.M.), Stellvertreter Emil Borchardt, Berlin
26.3.1917 - 31.12.1925 Kommerzienrat Georg, Stellvertreter Dr. Karl Klingspor
27.2.1926 - 6.11.1934 Dr. Karl Klingspor, Stellvertreter Georg Hartmann und Dr. Jolles (H. Berthold AG, Berlin), nach dessen Tod Erwin Graumann, nach dessen Tod Carl Graumann

Vorsitzende der Wirtschaftlichen Vereinigung

6.11.1934 - 1937 Dr. Karl Klingspor, Stellvertreter Georg Hartmann und Carl Graumann
1937 - Richard Ludwig Stellvertreter Georg Hartmann und Carl Graumann (Amtsniederlegung 1939, für ihn Max Schaarschmidt, Schriftguß KG)


Vorsitzende des Arbeitgeberverbands der Schriftgießereien

1948 - 6.10.1965 Dr. Alfred Bock (Ludwig & Mayer, Frankfurt a.M.), Stellvertreter Ernst Vischer (Bauersche Gießerei, Frankfurt a. M.), seit 12.11.1959 Walter Cunz (D. Stempel AG, Frankfurt a.M.)
6.10.1965 - 1972 Robert Haitz (H. Berthold AG, Berlin), Stellvertreter Dr. Walter Greisner (Bauersche Gießerei, Frankfurt a.M.), seit 25.10.1967 Helmut Offermann, (Bauersche Gießerei, Frankfurt a.M.)

Geschäftsführer

1906 - 1910 M. Weber, Frankfurt a.M.
1910 - 1917 Wolfgang Rect, Frankfurt a.M.
1918 - 1927 Paul Winter, Leipzig
1927 - 12.10.1961 Dr. Franz Gerhardinger (16.11.1890 - 24.7.1968), Offenbach
12.10.1961 - 1972 Dr. Dr. Eduard Born, Offenbach

Literatur

HWA, Abt. 23, Nr. 40 und 41

Franz Gerhardinger, 25 Jahre Verein Deutscher Schriftgießereien. In: Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik Bd. 65, 1928, S. 780-800.

Franz Gerhardinger, 25 Jahre Verein Deutscher Schriftgießereien. Typoskript in: Abt. 23, Nr. 4.

60 Jahre Verein der Schriftgießereien. Frankfurt 1963.

Dr. Eduard Born, Der Verein der Schriftgießereien im Wandel der Zeit, aus: DruckPrint 3/1973.
Leonie Tafelmeier, Der Verein der Schriftgießereien Offenbach am Main ( 1903 - 1972), in: Gutenberg-Jahrbuch 1997, S. 189 - 205.