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Hessisches Wirtschaftsarchiv
eine Einrichtung der hessischen Industrie- und Handelskammern
und der Handwerkskammer Rhein-Main


Abt. 10, Industrie- und Handelskammer Offenbach

Umfang 33 lfd. m
Laufzeit 1821 - 2001
Findmittel Datenbank; Findbuch, bearb. von Ulrich Eisenbach, 2011

Geschichte des Bestands

Im Februar 1999 hat die Industrie- und Handelskammer Offenbach a.M. ihren Altaktenbestand bis zum Jahr 1975 (und in Einzelfällen auch darüber hinaus) als Depositum an das Hessische Wirtschaftsarchiv abgegeben. Es handelt sich um rund 1800 Akteneinheiten, die in der Masse bis 1945 und in wenigen Ausnahmefällen (hier sind vor allem die Protokollbücher zu nennen) bis in die Gründungszeit der Kammer zurückreichen. Firmenakten befinden sich nicht darunter; sie wurden bereits in den 1980er Jahren von der IHK Offenbach a.M. verfilmt. Die Mikrofilme sind bei der Kammer verblieben. Der Erschließung und Klassifikation der Archivalien liegt die Aktenordnung der IHK Offenbach a.M. von 1954 zugrunde.

Nicht mit ins Findbuch aufgenommen wurden die zahlreichen Fotografien, die zum Bestand gehören und vollständig in die Datenbank aufgenommen worden sind. Die Aufnahmen betreffen ausnahmslos Kammerveranstaltungen, vor allem Jahresempfänge.

Gedruckte Jahresberichte der IHK Offenbach a.M. liegen für die Jahre 1857-1871, 1873-1913 und 1965-2003 vor, das Mitteilungsblatt der IHK Offenbach a.M. seit 1946. Vorläufer des Mitteilungsblatt waren die Mitteilungen der Rheinhessischen Handelskammern (Nr. 1/1919-Nr. 3/1924), die Mitteilungen der hessischen Industrie- und Handelskammern (Nr. 4/1924-Nr. 24/1929) sowie die Rhein-Mainischen Wirtschaftszeitung (Jgg. 1930-1945).

Alle angeführten Jahresberichte sind in der Bibliothek des Hessischen Wirtschaftsarchivs vorhanden.

Geschichte der IHK Offenbach

Gründung

Durch Verordnung vom 27. August 1819 räumte das großherzoglich hessische Geheime Staatsministerium der Stadt Offenbach a.M. zur Förderung des Handels und der Industrie eine Reihe von Sonderrechten ein. Die beiden wichtigsten Privilegien waren die Einführung der vollständigen Gewerbefreiheit (Aufhebung des Zunftzwangs) und die Errichtung einer Handelskammer nach Mainzer Vorbild, die sich "aus angesehenen Handelsleuten, ohne Unterschied der Religion und der Konfession" zusammensetzen sollte. Eine weitere Verordnung des großherzoglich hessischen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 21. Juli 1821 gab den Rahmen für die Organisation und die Arbeit der Handelskammer vor. Zu ihren Aufgaben gehörte es, der Regierung Vorschläge zur Förderung von Handel und "Manufacturen" zu unterbreiten, sie auf Handels- und Gewerbehindernisse aufmerksam zu machen und "neue Quellen des Nationalreichthums" zu entdecken. Die Zahl der Mitglieder wurde auf neun begrenzt. Sie sollten zunächst aus einem von der Regierung zu benennenden Kreis von 30 bis 40 Kaufleuten und Fabrikanten mit einem Gewerbesteuerkapital von mindestens 100 Gulden gewählt werden. Jedes Jahr schied ein Drittel der Mitglieder per Losentscheid aus und wurde auf dem Weg der Kooptation ergänzt. Die Mitglieder wählten aus ihrer Mitte einen Präsidenten und einen Sekretär. Die Regierung hatte das Recht, einen Vertreter zu den Sitzungen zu entsenden, der dann den Vorsitz führte. Eigene Einnahmen, etwa durch Mitgliedsbeiträge, hatte die Handelskammer nicht; sie musste ihren Haushalt dem Innenministerium vorlegen, das über die Bewilligung der Mittel aus dem Staatshaushalt entschied.

Auf der Grundlage dieser Vorschriften konstituierte sich am 19. Oktober 1821 die Handelskammer Offenbach a.M. Zum Präsidenten wählten die Mitglieder den Tabakwarenfabrikant Philipp Casimir Krafft, zum Sekretär P.G. d'Orville-Fuchs, Teilhaber der Tabakfabrik Gebrüder Bernard. Eine Kommission wurde mit der Ausarbeitung der Statuten und einer Geschäftsordnung beauftragt. Der Wirkungskreis der Handelskammer, stellte das Innenministerium klar, sei "zwar örtlich", also auf die Stadt Offenbach a.M. beschränkt, doch müsse sie "dennoch den Flor des Handels im Allgemeinen im Auge behalten". Erst mit der Gründung der Handelskammern Darmstadt (1862) und Gießen (1871) verzichtete Offenbach a.M. auf eine Vertretung der Wirtschaftsinteressen der gesamten Provinzen Starkenburg und Oberhessen.

Das hessische Handelskammergesetz von 1871

Die alles andere als demokratisch gewählten und repräsentativ zusammengesetzten Handelskammern zu Offenbach a.M. und Mainz sahen sich in den folgenden Jahrzehnten einer zunehmenden Kritik seitens des liberalen Wirtschaftsbürgertums ausgesetzt. Es verlangte eine größere Unabhängigkeit von der Regierung, vor allem einen durch Umlagen finanzierten Haushalt und eine Abschaffung des formalen Vorsitzes der jeweiligen Kreisräte. Diesen Forderungen trug das Hessische Handelskammergesetz vom 17. November 1871 weitgehend Rechnung. Es orientierte sich an dem im Jahr zuvor erlassenen preußischen Handelskammergesetz und vereinheitlichte die unterschiedlichen Rechtsgrundlagen der inzwischen sechs hessischen Handelskammern (neben Mainz und Offenbach a.M. waren dies Worms, Bingen, Darmstadt und Gießen).

Wahlberechtigt waren nun die Vertreter aller ins Handelsregister eingetragenen Handels- und Industrieunternehmen, die zu den ersten vier Gewerbesteuerklassen gehörten, die also jährlich zwischen 24 und 300 Gulden Gewerbesteuer zahlten. Die Mitglieder der Handelskammer wurden auf drei Jahre gewählt, wobei zum Ende eines jeden Jahres ein Drittel der Mitglieder nach Dienstalter oder - bei gleichem Dienstalter - durch Los ausschieden, jedoch wiedergewählt werden konnten. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter mussten jedes Jahr in der ersten Sitzung neu gewählt werden. Die laufenden Kosten der Handelskammern waren - abgesehen von einem jedes Jahr neu zu beantragenden Staatszuschuss - von den Wahlberechtigten "nach Maßgabe ihrer Gewerbsteuerkapitalien" aufzubringen. Die Haushalte mussten dem hessischen Innenministerium zur Genehmigung vorgelegt werden.

Die formale Prüfung des Haushalts blieb die einzige Einschränkung des Selbstverwaltungsrechts. Ansonsten konnten die hessischen Handelskammern - basierend auf einem demokratischen Wahlverfahren - unabhängig von staatlicher Bevormundung die Interessen der regionalen Wirtschaft wahrnehmen. Obwohl nun jede Handelskammer die Zahl ihrer Mitglieder selbst bestimmen konnte, beließ es Offenbach a.M. bei neun.

Am 13. Juli 1884 eröffnete die Handelskammer Offenbach a.M. als eine der ersten deutschen Handelskammern eine kaufmännische Fortbildungsschule. Die Stadtverwaltung stellte in der Mittelschule kostenlos Räume zur Verfügung und gewährte eine finanzielle Unterstützung für Heizung und Beleuchtung. Die Personalkosten wurden teils durch Schulgeld, teils durch Zuschüsse der Handelskammer gedeckt. Im 2. Jahr ihres Bestehens zählte die Schule bereits 52 kaufmännische Lehrlinge. 1920 ging sie in die Trägerschaft der Stadt Offenbach a.M. über.

Das hessische Handelskammergesetz von 1902

Eine weitere Änderung der Rechtsgrundlagen brachte das Handelskammergesetz vom 6. August 1902 , das den hessischen Handelskammern den Status von öffentlich-rechtlichen Institutionen und das Recht verlieh, Kredite aufzunehmen sowie "Anstalten, Anlagen und Einrichtungen, die der Förderung von Handel und Industrie, sowie die technische und geschäftliche Ausbildung, die Erziehung und den sittlichen Schutz der darin beschäftigten Gehülfen und Lehrlinge bezweckten, zu begründen, zu unterhalten und zu unterstützen". Zur Stärkung der Organisation trug die Ausdehnung der Pflichtmitgliedschaft auf Genossenschaften, Bergbaubetriebe und auswärtige Unternehmen bei, die im Kammerbezirk eine selbständige Niederlassung betrieben. Ebenso bedeutsam war die flächendeckende Ausdehnung der bislang formal nur auf die jeweilige Stadt begrenzten Kammerbezirke auf das Umland. Das Großherzogtum Hessen wurde in sieben Handelskammerbezirke aufgeteilt. Der Bezirk der Handelskammer Offenbach a.M. umfasste die Stadt Offenbach a.M., den Kreis Offenbach und den Kreis Dieburg. Mit der Ausdehnung des Kammerbezirks ging eine Erhöhung der Mitgliederzahl von 9 auf 16 und die Schaffung von Wahlbezirken einher. Der Handelskammerbezirk Offenbach a.M. wurde in 5 Wahlbezirke eingeteilt, und zwar: